Montag, 2. Dezember 2013

Von der alltäglichen Not eines Lesers

Zum Beispiel dieses Heute:

Ich stehe in einer Buchhandlung vor dem Regal überschrieben mit Philosophie. Wie immer finden sich mehrere Neuerscheinungen, die mich ansprechen. Schlussendlich stehe ich mit dem Taschenbuch von Antonia Grunenberg: Hannah Arendt und Martin Heidegger. Geschichte einer Liebe an der Kasse. Warum ich es gekauft habe, ist klar: Heidegger spricht mich – buchstäblich – seit Jahrzehnten an; über Hannah Arendt habe ich letzthin eine Studie gelesen, die sie mir noch näher gebracht hat: Marie Luise Knott, Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt. Und Liebesgeschichten prominenter Autoren sind in einem speziellen Sinne spannend für mich (nachgegangen bin ich zum Beispiel denjenigen von Franz Kafka und Felice Bauer, Franz Kafka und Milena Jesenská, Franz Kafka und Dora Diamant sowie derjenigen des Literatenpaars Ingeborg Bachmann und Max Frisch), weil mich der Zusammenhang zwischen dem künstlerischen Schaffen und der Liebesbeziehung interessiert und ich, nebenbei bemerkt, gerne schöne Liebesbriefe lese.

Im Zug überkommt mich dann plötzlich wieder die mir wohlbekannte Sehnsucht: mich endlich einmal einer Sache ganz zu widmen. Zum Beispiel Heideggers Sein und Zeit wirklich zu lesen, diesen Text und keine anderen, bis ich mit ihm an ein Ende gekommen bin. Oder ein ABC der Didaktik zu schreiben, Buchstaben für Buchstaben, bis zu jedem von ihnen ein kleiner Text vorliegt, die insgesamt zu einem sinnvollen Ensemble gerundet werden könnten. Oder einen Blog zu Baudelaires Fleurs du mal zu eröffnen.
Es ist die Sehnsucht nach dieser gelassenen Art der Konzentration, wie sie für mich ein Rüdiger Safranski ebenso repräsentiert wie, eben, Martin Heidegger. Es ist gleichzeitig aber auch die Sehnsucht nach dieser fiebrigen Intensität des Schaffens, wie sie Kafka und Baudelaire, zum Beispiel, verkörpern.
Ja: Es ist die Sehnsucht nach der beharrlichen, aber intensiven Gemächlichkeit des Vorangehens, wie es der Klang von W.G.Sebalds Stimme evoziert, wenn ich ihn lesen höre. (Ein Paradox, ich weiss.)

Denn ich merke Tag für Tag, wie ich drohe fortgerissen zu werden von den so genannten oberflächlichen Alltäglichkeiten, wie ich mich – offensichtlich permanent interessiert an so vielem – von der einen Informationsblüte zur nächsten tragen lasse und dabei immer weiter wegkomme von dem, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte zu tun.
Warum kaufe ich mir schon wieder ein Buch, das ich vermutlich, kaum angelesen, weglege, weil sich ein anderes, das ich in der Bibliothek zufällig gesehen und ausgeliehen habe, davor drängt?
Warum erfüllt sich meine Sehnsucht nicht?

Mittwoch, 22. Februar 2012

Sind wir immer noch Jäger und Sammler?

An Tagen wie dem heutigen frage ich mich das. Ich schaue mir zu beim Leben und stelle fest, dass ich einen Grossteil des Tages mit Jagen und Sammeln verbringe - sprich: Informationsaufnahme und -verarbeitung.
Zuerst einige Tageszeitungen via iPad. Dann zwei VideoSpeeches via TED. Dann Lektüre in physischen Büchern (James Gleick, Information; Michael Kumpfmüller, Die Herrlichkeit des Lebens; Josef Bierbichler, Mittelreich). Neben meinem Stuhl liegt der iPad allzeit bereit, um interessanten Lesespuren weiter nachzugehen, was weiteres Sammeln und Verarbeiten mit sich bringt.
Dann Jagd nach Brot und Käse und Sammeln von Bonuspunkten an der Kasse.
Der Mensch war einst Jäger und Sammler.
Wir sind es nach wie vor.

Mittwoch, 9. November 2011

Wie viel wiegt das Internet?

Geschätzte 50g (Schätzung von 2005), wie diese Website darlegt.
Irgendwie niedlich.

Dienstag, 8. November 2011

Bedenklich?!

"Where does it end? Sergey Brin and Larry Page, the gifted young men who founded Google while pursuing doctoral degrees in computer science at Stanford, speak frequently of their desire to turn their search engine into an artificial intelligence, a HAL-like machine that might be connected directly to our brains. “The ultimate search engine is something as smart as people—or smarter,” Page said in a speech a few years back. “For us, working on search is a way to work on artificial intelligence.” In a 2004 interview with Newsweek, Brin said, “Certainly if you had all the world’s information directly attached to your brain, or an artificial brain that was smarter than your brain, you’d be better off.” Last year, Page told a convention of scientists that Google is “really trying to build artificial intelligence and to do it on a large scale.”
(http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2008/07/is-google-making-us-stupid/6868/)

Dienstag, 25. Oktober 2011

Patchwork

In einem Interview sagt Melanie Mühl, Autorin des Buches Die Patchwork-Lüge – Eine Streitschrift. Hanser, München 2011 Folgendes:

Patchwork heisst Flickwerk und für Sie beschreibt das auch einen gesellschaftlichen Zustand, weil alles um-, aus- oder eintauschbar ist. Sie schreiben: «Wenn alles ersetzbar ist, ist alles wertlos.

Ja, weil dann das Gefühl für Einmaligkeit verloren geht. Die Dinge verlieren an Wert. Unser Leben unterliegt, zugespitzt formuliert, der Dauerevaluierung, alles ist auf Zeit angelegt: Hab ich noch den richtigen Handyanbieter, die richtige Zeitung, den richtigen Arbeitgeber? Alles kann stets auf Anfang zurückgedreht werden. Dieses Denken greift auf das ganze Leben über. So fragt man sich dann eben auch irgendwann, ob man noch den richtigen Partner hat. Das ist die Kehrseite der Mobilisierung, Flexibilisierung, Ökonomisierung, denn das ist Gift für alle Systeme, die träge sind, und die Familie ist ein träges System.

Das hat viel mit Egoismus zu tun.

Absolut, es geht zu oft um Selbstoptimierung. Da ist der Anspruch auf das absolute Glück, das einem zusteht. Dieses Denken lässt einen immer vermuten, die aktuelle Situation sei nicht ganz perfekt, sie liesse sich noch verbessern. Also fragt man sich: Bin ich glücklich? Wie könnte ich noch glücklicher werden? Die eigene Befindlichkeit wird beinahe wie unter einem Mikroskop begutachtet. Mit dem Resultat, dass man nie zufrieden ist und dauernd neue Bedürfnisse entstehen, die befriedigt werden wollen.

Finde ich als Gesellschaftsanalyse einfach gut.

Montag, 13. Juni 2011

How to Run the World

Das inspirierende Buch von Parag Khanna enthält sehr viel Zutreffendes und Beherzigenswertes, zB. dieses Zitat des Journalisten Matt Ridley:
"For St. Augustine the source of Social Order lay in the teachings of Christ. For Hobbes it lay in the sovereign. For Rousseau it lay in solitude. For Lenin it lay in the party. They were all wrong. The roots of Social Order are in our heads, where we possess the instinctive capacities for creating not a perfectly harmonious and virtuous society, but a better one that we have at present. We must build our institutions in such a way that they draw out those instincts."

Sonntag, 20. Februar 2011

A King's Speech

Kings_speech_PlakatOriginal Was für eine Geschichte! Was für ein grossartiger Film! Ein Höhepunkt der Schauspielkunst.
Eine historisch verbürgte Gegebenheit wird zeitlich leicht versetzt und in gewissen Details angepasst in eine bewegende Geschichte umgegossen - die Geschichte der gelungenen Therapie eines der berühmtesten Stotterers der Weltgeschichte: König George VI.
Was daran ist so bewegend? Die Einsamkeit des an sich Mächtigen, wenn die ganze Welt ihm zuhört, in anschaut - und er bringt kaum ein Wort hervor? Die Angst des Sohns vor dem "Kinging", der Übernahme des Amts? Die Einsicht Ihro Königlichen Hoheit, dass das Leben im Gefängnis des gnadenlosen Protokolls ein Leben ohne Freundschaft zu sein hat? Das Schicksal des Therapeuten, dessen Therapie mit einem Mal von weltgeschichtlicher Relevanz ist? To speak or not to speak: eine Schicksalsfrage. - Weitersagen! Hingehen!

Donnerstag, 10. Februar 2011

Ein Käfig der Träume

Eine wundervolle Erzählung von Ana Lang! Berührend und schlicht in Inhalt und Stil, eine sehr poetisch, sanft fliessende Sprache. Erzählt wird von der Beziehung zwischen einem Schweizer Piloten und seiner koreanischen Frau, einer Beziehung, in der sich die beiden fremd bleiben. Wegen ihrer verschiedenen Herkunft? Weil Mann und Frau einfach grundverschieden sind? Weil sie kein Kind haben zusammen?
Die Erzählung ist sehr einfach und klar gebaut und berührt, weil man sich der alltäglichen Fremdheit zwischen den Menschen, selbst denen, die sich lieben, bewusst wird. Vor allem aber, weil die Autorin einfach wunderbar zu schreiben versteht. Lesen!

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Zuletzt aktualisiert: 2. Dez, 18:26

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